In der letzten Folge #251 von Lanz+Precht spricht Markus Lanz ziemlich zum Ende der Folge ein paar interessante Ansätze an, die von einem Paul Kolja erarbeitet wurden. Nur findet man dazu nichts im Internet dazu … Warum?
Hier ein Auszug aus dem Transkript aus dem Kapitel Paul Koljas Vorschläge für Innovation und Führung in Europa (etwa bei 52:44 Minuten)
Mhm, ich würd gern zum Schluss noch mal sagen, was Paul Kolja, der macht ganz viel Armutsforschung und so weiter, ist eben ein wirklich kluger Ökonom, und der sagt, eigentlich wär es ganz einfach. Der macht 5 Vorschläge, die ich wirklich bedenkenswert fand.
Markus Lanz, Lanz+Precht podcast #251 vom 25.06.26
Soweit, so gut. Wer nun aber mal genauer lesen will was der gute Paul alles in voller Länge zum Thema geschrieben hat, der wird bald feststellen: Das Internet kennt diesen Menschen nicht?!
Ich habe nach „Paul Kolja“ und „5 Vorschläge für Innovation und Führung“ gesucht. Dabei konnte ich keine Quelle finden, in der eine Person namens Paul Kolja genau diese fünf Vorschläge veröffentlicht hat. Ich vermute inzwischen, dass Markus Lanz den Namen im Podcast akustisch anders ausgesprochen hat, als er geschrieben wird. Also habe ich noch einmal gezielt recherchiert. Dabei finde ich keinen Ökonomen namens Paul Kolja – weder in wissenschaftlichen Datenbanken noch in Personenverzeichnissen oder biografischen Quellen. Auch ChatGPT tappt im Dunkeln…
Noch etwas Recherche und Rumprobieren unter Berücksichtigung eines möglichen Fehlers in der Aussprache durch Markus Lanz und man kommt über Umwege auf Paul Collier – eine tatsächlich sehr spannende Quelle – allerdings formuliert er keine „fünf Vorschläge für Innovation und Führung“. Stattdessen entwickelt er über mehrere Bücher hinweg ein konsistentes Führungsverständnis.
Seine wichtigsten Gedanken lassen sich so zusammenfassen:
- Führung bedeutet, ein gemeinsames Ziel zu schaffen. Erfolgreiche Organisationen und Volkswirtschaften funktionieren nicht allein über finanzielle Anreize. Führungskräfte müssen Sinn stiften und ein gemeinsames Ziel vermitteln, das Menschen verbindet. Dieses Thema zieht sich besonders durch sein Buch The Future of Capitalism.
- Innovation braucht Vertrauen und Zusammenarbeit. Collier kritisiert die Vorstellung, dass Innovation nur durch Wettbewerb entsteht. Dauerhafte Innovation entsteht dort, wo Unternehmen, Forschung, Staat und Gesellschaft kooperieren und langfristig denken. Kurzfristige Gewinnmaximierung kann Innovation sogar behindern.
- Dezentrale Verantwortung schafft bessere Lösungen. Führung sollte Entscheidungen möglichst nah an den Menschen treffen, die von ihnen betroffen sind. In seinen Arbeiten über regionale Entwicklung plädiert Collier dafür, lokale Akteure mit echten Entscheidungsbefugnissen auszustatten, statt alles zentral zu steuern.
- Aus Fehlern lernen ist eine Führungsaufgabe. Ein gesundes System erkennt Fehlentscheidungen an, analysiert sie und verbessert sich kontinuierlich. In einem Interview mit der Financial Times sagt Collier sinngemäß, dass gute Systeme aus Fehlschlägen lernen – schlechte versuchen lediglich, noch mehr Kontrolle auszuüben.
- Erfolg misst sich am langfristigen gesellschaftlichen Nutzen. Unternehmen sollten nicht ausschließlich den Interessen ihrer Eigentümer dienen. Gute Führung berücksichtigt auch Mitarbeitende, Kunden, Regionen und zukünftige Generationen. Nachhaltige Innovation entsteht, wenn wirtschaftlicher Erfolg und gesellschaftlicher Nutzen zusammen gedacht werden. Diese Ideen passen erstaunlich gut zu modernen Ansätzen der Innovationsforschung: Vision vermitteln, Kooperation fördern, Verantwortung dezentralisieren, aus Fehlern lernen und langfristig statt kurzfristig handeln. Auch wenn Collier diese Punkte nicht als offizielle „Top 5“ veröffentlicht hat, bilden sie den Kern seines Verständnisses von guter Führung und erfolgreicher wirtschaftlicher Entwicklung.
okay, weiter gehts… Es gibt noch einen Politiker namens Marcel Kolaja. Lag im Podcast eventuell eine Verwechslung vor? Er befasst sich zumindest weitestgehend mit dem Thema, aber auch hier keine Quellen zu den im Podcast erwähnten 5 Vorschlägen… Also nochmal ChatGPT bemüht – mit Verweis, dass es alles so 1:1 in den Shownotes / Kapitel sowie im Transkript steht – und die KI wiederum stellt erstaunliches fest:
Spotify-Kapitelüberschriften werden häufig automatisch per KI erzeugt. Sie stammen in vielen Podcasts nicht vom Podcast-Team selbst, sondern aus einer automatischen Transkription bzw. Kapitelerkennung. Deshalb kommen dort gelegentlich falsch erkannte Namen vor.
Wenn Spotify also ein Kapitel „Paul Koljas Vorschläge für Innovation und Führung“ anzeigt, bedeutet das nicht zwangsläufig, dass die zitierte Person tatsächlich Paul Kolja heißt.
Das Auffällige ist:
- Ich finde weltweit keinen Ökonomen, Managementforscher oder Autor mit dem Namen Paul Kolja.
- Auch in den offiziellen Informationen zur Folge wird kein solcher Autor erwähnt; als zentrale Quelle wird nur Konstantin Richter und dessen Buch Dreihundert Männer genannt.
Ich würde daher gerne einen Schritt weitergehen und den Namen forensisch rekonstruieren. Das ist oft möglich, wenn man den Satz hört, in dem Lanz ihn ausspricht. Dann lässt sich anhand der Aussprache meist eindeutig erkennen, ob er z. B. Paul Collier, Paul Krugman, Paul Collier (anders betont), oder jemand ganz anderes meint.
Ich lade also Screenshots vom Spotify-Transkript hoch und ChatGPT bringt folgendes:
Die Screenshots waren der entscheidende Hinweis. Ich glaube, ich weiß jetzt, wer gemeint ist.
Lanz sagt:
„… Paul Kolja, der macht ganz viel Armutsforschung … ist ein wirklich kluger Ökonom …“
Diese Beschreibung passt praktisch perfekt auf Paul Collier:
- Armutsforscher ✔️
- Professor in Oxford ✔️
- Ökonom ✔️
- beschäftigt sich mit regionaler Entwicklung, Innovation und staatlicher Wirtschaftspolitik ✔️
Aber: Die konkreten fünf Vorschläge, die Lanz anschließend aufzählt, stammen nicht aus Colliers bekannten Büchern wie The Bottom Billion oder The Future of Capitalism. Sie sind viel spezifischer und beziehen sich direkt auf Deutschland (KfW, Bundesländer, Polen, Innovationscluster).
Was auffällt
Die Punkte, die Lanz nennt, sind:
- Brücken zu Polen und Frankreich bauen.
- Der KfW eine neue Aufgabe geben.
- Innovationscluster dezentral in den Bundesländern fördern.
- Große Industriepolitik vermeiden – stattdessen Experimente in den Ländern zulassen.
- Lokale Netzwerke vermögender Privatpersonen schaffen, die regelmäßig Start-ups finanzieren (Oxford-Beispiel mit ca. 5.600 Investoren).
Die ersten vier Punkte passen sehr gut zu Colliers Denken über regionale Entwicklung und dezentrale Institutionen. Der fünfte Punkt – das Oxford-Netzwerk – erinnert dagegen eher an ein konkretes Praxisbeispiel aus Oxford und ist in Colliers Büchern so nicht zu finden.
Meine Vermutung
Ich halte inzwischen Folgendes für am wahrscheinlichsten:
Markus Lanz hat nicht aus einem Buch von Paul Collier zitiert, sondern aus einem aktuellen Interview, Vortrag oder Zeitungsbeitrag, in dem Collier Deutschland konkrete Empfehlungen gibt.
Dass er sagt:
„Ich würde einem deutschen Kanzler heute raten …“
klingt wie ein Interview, nicht wie ein Buch.
Edit: Das Rätsel ist gelöst.
Die Quelle ist nicht ein älteres Buch, sondern ein Handelsblatt-Interview mit Paul Collier, erschienen am 2. Juni 2026.
Genau daraus zitiert Markus Lanz praktisch wörtlich.
Die fünf Vorschläge von Paul Collier
Aus dem Interview lassen sich die von Lanz angesprochenen Punkte eindeutig zuordnen:
- Mit den Nachbarn beginnen – insbesondere Polen
- Deutschland soll seine wirtschaftliche Zusammenarbeit mit Polen deutlich vertiefen.
- Collier bezeichnet Polen als ausgesprochen innovativ und meint, Deutschland müsse die Beziehungen erneuern.
- Danach solle dasselbe mit Frankreich geschehen.
- Der KfW eine neue Aufgabe geben
- Die KfW soll nicht nur Finanzierungen vergeben.
- Sie soll gezielt regionale Innovationscluster aufbauen und koordinieren.
- Innovationspolitik dezentral organisieren
- Keine zentrale Industriepolitik aus Berlin.
- Stattdessen sollen die 16 Bundesländer selbst Innovationsökosysteme entwickeln.
- Collier hält fünf bis sechs Millionen Einwohner für eine ideale Größe, um schnell zu experimentieren und zu lernen.
- Experimentieren statt zentral planen
- Jedes Bundesland soll unterschiedliche Ansätze ausprobieren.
- Scheitern soll ausdrücklich erlaubt sein.
- Erfolgreiche Modelle können anschließend von anderen übernommen werden. Die KfW soll diese Prozesse finanziell begleiten.
- Private Kapitalnetzwerke nach Oxforder Vorbild schaffen
- Collier beschreibt Oxford als Beispiel:
- Dort sei innerhalb weniger Jahre ein Netzwerk von rund 5.600 vermögenden Privatpersonen entstanden.
- Diese treffen sich regelmäßig und hören sich Pitches junger Gründer an
- Genau solche lokalen Investorennetzwerke empfiehlt er auch für deutsche Städte.